Viele Menschen stehen entlang der Bonholmer Strasse, die zur DDR-Grenze führte.(© key)

Grossandrang herrschte beim Grenzübergang Bornholmer Strasse.

Der Grenzübergang, den er zusammen mit seinem Kollegen Edwin Görlitz in seiner Befehlsgewalt hatte, öffnete damals als erster - ohne Weisung von oben.

Der Mauer, dem sozialistischen Bollwerk gegen den kapitalistischen Westen, wurde an dieser Stelle der endscheidende Schlag versetzt. Das porös gewordene Beton-Monster wurde in dieser Nacht hier zum ersten Mal von den Massen durchlöchert.

Nach Jägers Erinnerung waren die Stunden davor die dramatischsten in seinem Leben: «Ich bin froh, dass nur Angstschweiss floss und kein Blut», betont er.

Kantinenessen blieb im Halse stecken

In der Kantine habe er gegen 19.00 Uhr die Pressekonferenz mit Günter Schabowski zur neuen Reiseregelung für DDR-Bürger verfolgt, sagt der Ex-Grenzer. Als SED-Funktionär Schabowski schliesslich die sofortige Öffnung der Grenzen verkündet habe, sei ihm das Abendessen im Hals stecken geblieben und sein erster Gedanke sei gewesen: «Was soll das? Was ist das für ein geistiger Dünnschiss?», fügt Jäger hinzu.

Bereits wenig später habe sich Schabowskis Ankündigung ganz schnell bemerkbar gemacht. «Erst stand eine Handvoll DDR-Bürger da, doch minütlich wurden es mehr.» Aus Hunderten wurden Tausende, die forderten: «Macht das Tor auf!» oder lautstark versicherten «Wir kommen wieder», berichtet Jäger, der damals mit 30 Kontrolleuren und drei Grenzposten im Dienst war.

Angst vor einer Massenpanik: «Wir fluten jetzt»

«Wir standen den Massen bald in Handgriffweite gegenüber, uns trennten nur noch die geschlossenen Schlagbäume». Er habe Angst gehabt, vor allem vor einer Massenpanik. «Wir hatten die Lage bald nicht mehr im Griff», so der heute 66-Jährige. Er habe immer wieder versucht, telefonische Anweisungen von Vorgesetzten zu erhalten. «Doch da oben herrschte ebenso ein Chaos wie bei uns.»

Gegen 21.40 Uhr sei der Befehl gekommen, besonders «provokative Bürger» durch die Grenze, aber nicht wieder zurück zu lassen. Doch diese «Ventillösung» habe nicht geholfen. Gegen 23.20 Uhr habe er dann befohlen, «die Schlagbäume zu öffnen und alle ohne Kontrolle ausreisen zu lassen», erzählt Jäger weiter. Seine letzte Meldung an die Stasi-Oberen: «Es ist nicht mehr zu halten. Wir fluten jetzt.»

Berlin: 300'000 DDR-Nestflüchter in einer Nacht

Etwa 25’000 Menschen hätten die neue Freiheit in dieser Nacht am Übergang Bornholmer Strasse genutzt – für ganz Berlin wurden mehr als 300'000 DDR-Nestflüchter bis Tagesanbruch gezählt.

«Im ersten Moment war eine richtige Leere in mir. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden», erläutert Jäger. Heute sei er aber sogar «ein bisschen stolz» darauf, eine Eskalation verhindert zu haben. Er glaube, durch sein besonnenes Handeln etwas Wiedergutmachung geleistet zu haben - für 28 Jahre Dienst in dem DDR-Grenzregime.

Schlotternde Knie

Es sei schön gewesen, dass «die DDR-Bürger uns nicht ausgegrenzt, sondern umarmt haben», sagt der Ex-Grenzwächter. Auch die Reaktion seines damaligen Vorgesetzten fiel milde aus: «Mit schlotternden Knien habe ich meinen Oberst telefonisch über die Aktion benachrichtigt. Der sagte nur 'Ist gut, mein Junge'."

Nach der Wende fing Jäger «bei Null an». Er sei zwei Jahre arbeitslos gewesen, habe dann eine Ausbildung zum Taxifahrer gemacht. Auch als Eis- und Zeitungsverkäufer und bei einem Sicherheitsdienst habe er gearbeitet.

Ex-Grenzer fehlt das Geld zur Reisefreiheit

Die Aufarbeitung seiner Vergangenheit hätte viele Jahre gedauert, räumt Jäger ein. Geholfen hätten ihm dabei auch die Interviews mit Gerhard Hasse-Hindenberg, dem Autor seiner Biografie, die 2007 im Heyne-Verlag erschienen ist.

Heute lebt Jäger im brandenburgischen Werneuchen und verbringt viel Zeit in seinem Garten bei seinen Kakteen. Nach 20 Jahren will er jetzt erstmals am 9. November wieder zu seinem früheren Grenzpunkt gehen und sich unter die Passanten mischen. Die durch den Mauerfall gewonnene Reisefreiheit kann er aber nicht voll auskosten: Für die Traumreise nach Mexiko reiche das Geld nicht, fügt er enttäuscht hinzu.