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Ein strahlender «poetischer Realist»: Walter Kappacher.
Der Büchner-Preis gilt als die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung und ist mit 40'000 Euro dotiert.
Akademiepräsident Klaus Reichert bezeichnete den Schriftsteller als «poetischen Realisten», dessen musikalische Prosa den Leser in seinen Bann ziehe. Kappachers Werk sei einer grossen Erzähltradition verbunden und zeichne sich durch einen genauen Blick auf Welt und Menschen aus.
Sein Laudator Paul Ingendaay sagte, die Romane des Österreichers seien «Geschichten von Menschen, die nicht funktionieren, weder im Erwerbsleben noch in der so genannten Gesellschaft». Kappacher, der heute auf dem Höhepunkt seines Schaffens stehe, schreibe Bücher über Aussenseiter: «Vermutlich, weil er sich selbst als Aussenseiter empfand.»
«Dann kann ja auch ich anfangen zu schreiben»
Der 1938 in Salzburg geborene Preisträger berichtete in seiner Dankesrede von seiner Herkunft aus bedrückenden Verhältnissen: Der Vater ist meist arbeitslos und wird allmählich zum Trinker.
Die Miete wird bezahlt, indem die Mutter Arbeiten für den Hausbesitzer verrichtet. Im Winter bietet die elterliche Wohnung kaum Schutz vor Kälte, weil im Fenster des Schlafzimmers einzelne Glasscheiben fehlen.
Halt gebende Literatur
Geredet wird in der Familie kaum. In dieser Situation bieten ihm die Bücher Zuflucht und Rettung. «Es war die Literatur, die mir Halt gegeben hat, mir ein Dach über dem Kopf war», erinnerte sich der 71-Jährige.
Als Initialzündung beschrieb Kappacher den einjährigen Aufenthalt in einer Münchener Schauspielschule 1960. Damals habe er erstmals die Werke von Fjodor Dostojewskij und Georg Büchner für sich entdeckt: «So etwas Radikales, aufs Äusserste Verdichtetes hatte ich noch nie gelesen.»
Zum Schreiben hätten ihn die Romanes Franz Kafkas und der Essay «Der Erzähler» von Walter Benjamin gebracht. Hier sei ihm klar geworden, dass Literatur auch den Alltag eines Büroangestellten zum Gegenstand haben könne und dass die ersten Erzähler keine Akademiker, sondern Bauern, Seefahrer und reisende Handwerker gewesen seien: «Dann kann ja auch ich anfangen zu schreiben.»
«Literatur als Kunst ist ein Ladenhüter»
Ingendaay kritisierte in seiner Laudatio die Mechanismen des Literaturbetriebs, die es einem Schriftsteller wie Kappacher schwer machten, überhaupt wahrgenommen zu werden. So sei dessen jüngster Roman «Der Fliegenpalast» von einer Reihe von namhaften Verlagen abgelehnt worden, unter anderem mit der Begründung, der Markt für ernsthafte Literatur sei sehr schwierig geworden.
«Wir haben längst akzeptiert, dass man uns mit dem Taschenrechner belehrt», sagte der Laudator: «Literatur als Kunst ist ein Ladenhüter.» Daran habe auch der Umstand nichts ändern können, dass Kappachers Werke immer wieder von der Kritik gerühmt würden: «Man muss sich auch verkaufen können. Und das hat er nie gelernt.»
Neben Kappacher zeichnete die Akademie den Literaturwissenschaftler und Lyriker Harald Hartung mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay aus. Den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa erhielt die FAZ-Redakteurin Julia Voss, die in den vergangenen Jahren vor allem mit ihren Arbeiten über Charles Darwin auf sich aufmerksam machte.
Literaturclub vom 10.02.2009: («Der Fliegenpalast», Walter Kappacher) Literaturclub vom 20.12.2005: («Selina oder das andere Leben», Walter Kappacher)







